Der moderne Mann
Wir - und damit meine ich mich und meine Geschlechtsgenossen -, haben es nicht immer leicht. Das war zwar noch nie anders, doch seit sich die populäre Wissenschaft mit uns und unserer vermeintlichen Zukunft beschäftigt, werden wir förmlich zum Versuchs- und Studienobjekt degradiert. Und schlimmer noch: Alle Welt meint, uns nun verstanden zu haben, wir uns aber - aus welchen Gründen auch immer - vehement, - gar bockig - gegen die gewonnenen Erkenntnisse sträuben.
Wir werden klassifiziert, attributisiert und haben uns in diese schöne neue Welt der einfachen Schemata einzufinden - so meint man jedenfalls. Dabei fragen wir uns wiederum, welche Regularien denn nun für die Frauenwelt gelten und vor allem, wie hoch der Anteil derer ist, die sich in diesen Schubladen gemütlich einrichten möchten. Und wenn sie es dann tun - tun sie es aus einer Einsicht heraus, doch anders zu sein, als sie meinen oder entspricht es wirklich ihrer Natur. Der geneigte Leser bemerkt bereits jetzt völlig zu Recht: Das Spiel stiftet Verwirrung.
Wie dem auch sei. Wenn ich mich auf den Straßen umsehe, was ich oft und gerne tue, nehme ich Tausende wahr, die einen ganz normalen Eindruck machen. Männer eben - wie sie nun einmal sind - wie ich auch. Man denkt sich kaum etwas dabei, doch neuere Untersuchungen sehen in nur noch 23% den starken Haupternährer - die männliche Glucke, den, der das Geld beschafft und für den Lebensunterhalt die Hauptverantwortung trägt. Ich muss zugeben, dass dies in der Mehrheit meiner Beziehungen nicht der Fall war, ich mich aber dennoch verantwortlich fühlte. Für diese Männer, eine wohl schwindende Gruppe, ist die Partnerin die liebevolle Mutter dabei attraktiv und häuslich. Hierbei scheint es sich um den Klassiker zu handeln. Wobei - sind diese Männer nur und ausschließlich so oder haben sie auch andere Erwartungen und Ziele?
Hinzu gesellt sich der Lifestyle-Macho mit einem Anteil von 14%, der per Definition im Grunde nie im Leben eine Familie gründen sollte. Besser noch, er würde sich direkt kastrieren lassen, da er angeblich überlegen, hart und unabhängig daher kommt. Er sucht nach der erotischen und untergebenen Frau. Nun - diese Art Frau präferiere ich auch, doch als Lifestyle-Macho möchte ich mich kaum begreifen, da sich dieser Typus kaum mit meiner Haltung vereinbahren lässt, dass auch meine Fürsorge, Rücksichtnahme und mein Schutz für eine Mann-Frau-Beziehung unabdingbar sind. Somit fällt es mir nicht schwer, bereits jetzt zwei Lebensformen Mann als für mich nicht zutreffend feststellen zu können. Eine leichte Verzweiflung kommt auf. Gibt es mich etwa gar nicht?
»Neue Männer braucht das Land« ertönte es in den 80ern aus den Lautsprechern diverser Diskotheken, die gewissen Frauen gefallen wollten. Und »Hurra, Hurra - sie sind schon da«. Laut neuester Erkenntnisse gibt es ihn, den modernen »Neuen Mann«, der bereits einen Anteil von 32% belegen soll. Er ist selbstsicher und berufstätig, was ja noch nichts Besonderes ist. Diese jedoch soll darin liegen, dass er zu einer weichen Männlichkeit steht, was immer das auch bedeuten mag. Ich gehe davon aus, dass eine gewisse Weichheit jedem Manne innewohnt, da er sonst wohl kaum sozialsierbar wäre. Zudem sieht er sich in der Mitte der Gesellschaft. Demzufolge kann ein armer oder sehr reicher Mann nicht zu der »Klasse der Moderne« gehören? Und überhaupt; wie definiert sich die moderne Mitte, woran macht sich dieser Begriff fest? Ist die Mitte nicht stets in der Durchschnittlichkeit verhaftet - weder Fisch noch Fleisch? Ist hier der moderne Mann zu suchen - in der Unverbindlichkeit des sowohl als auch? Ich verspüre, wenn ich es genau betrachte, hier keinen Hang zur Zugehörigkeit.
Die letzte Möglichkeit: Der postmodern-flexible Mann, der mit 31% angeblich auch auf dem Vormarsch ist. Dieser ist stark und sieht dennoch weibliche Fascetten an sich. Ich muss zugeben - weibliche Fascetten im eigentlichen Sinn irritieren mich bei Männern. Trotz dieser Anteile soll er zielstrebig sein und über Ecken und Kanten verfügen. Im Grunde verfügen alle Menschen darüber - Männer wie Frauen. Individuen ohne Reibungspunkte könnte man kaum als solche bezeichnen. Was ihn vermutlich unterscheidet, ist seine Bereitschaft zu neuen Wegen. Man vermutet diesen Typ Mann in experimentieroffenen und eher hedonistischen Kreisen. Nun - als Hedonisten möchte ich mich ungern bezeichnen, als ein wenig selbstverliebt und mit einem erotischen Bewusstsein ausgestattet schon. Unter dem Strich jedoch kommt mir auch dieser Typ Mann nicht wirklich gelegen und ich mag mich nicht in diese Schublade bequemen.
Was sollen wir bloß tun, wir Männer. Haben wir die Chance vertan, wandelbar sein zu dürfen und müssen uns nun einer Klassifikation unterwerfen, die nur wenige Spielräume lässt? Kreisen unsere Gespräche mit Frauen nun um die Frage, welcher Gruppe Mann wir zugehörig sind, damit wir angenommen werden können?
Wenn ich näher über mich und meine männlichen Bekannten und Freunde nachdenke, greifen die oben beschriebenen Kategorien einfach nicht. Situativ bedingt ist jeder, meine Person eingeschlossen, in der Lage, angemessen oder auch angemessen unangemessen zu reagieren. Jeder verfügt über eine Vielzahl von Fascetten, die, was ihre Ausprägung betrifft, auch von der jeweiligen Partnerin, vom sozialen Umfeld und vom Freundeskreis abhängen.
Wir sind Milliarden in Milliarden Konstellationen. Zwar mag es Grundmuster geben, die helfen, sich ein erstes Bild zu verschafft - der Mann als Solcher im Versuchskäfig -, doch was wird aus ihm, wenn er liebt, etwas will, er beeinflusst wird oder sich ganz entgegen der genannten Kategorien aus ihnen nach Gutdünken bedient, um sich selbst ein wenig näher zu kommen? Das ist sein gutes Recht und er nimmt es sich im Regelfall.
Am Ende bleibt es spannend. Die Frage, wer man selbst als Mann ist, erschließt sich so schnell nicht und ist von vielen Faktoren abhängig, die zum Teil außerhalb des direkten Einflussgebietes liegen. Vermutlich ist es bei näherer Betrachtung schon töricht, überhaupt nach Geschlechtern zu trennen, was Typisierungen betrifft, denn die Klassifizierungen, die hier für den Mann genannt werden, könnte ich ebenso gut auf Frauen anwenden. Vielleicht sind wir doch ein wenig gleicher, als wir meinen.
Weitere Informationen:
http://www.genderkompetenz.info/aktuelles/genderlectures/gl_stereotype/
http://www2.hu-berlin.de/sexology/ATLAS_D
/html/die_familie_in_historischer_si.html
- Herr P
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