Was man sich so wünscht ...
Johnny hatte lange geschlafen, da keine Termine anstanden und dachte darüber nach, wie es mit Nisha und Marie wohl laufen würde und welche Rolle ihm zukäme. Nach einigen Fehlschlägen mit Frauen aus dem Portal war er vorsichtig geworden. Im Grunde war meist nichts echt, lediglich getrieben von Vorstellungen, die letztlich überfordern würden. Der Geist wünscht, die Realität zickt. So war es meist. In sich hinein lachend dachte er an eine Begebenheit in seinem ehemaligen Stamm-Club. Eine Frau hatte die Vorstellung eines ganz besonderen Blind Dates. Sie wollte am Kreuz mit verbundenen Augen von einem wirklich fremden Mann benutzt werden, ohne jemals etwas über seine Identität erfahren zu müssen. Die Betreiber des Clubs, zwei wirklich rührige Typen, hatten einen Mann erwählt, der für diesen Job bereit war. Jedenfalls erweckte er den Eindruck. Seine Erzählungen erschienen glaubhaft. Im Vorfeld führten sie ein paar Gespräche mit ihm und ließen sich auch einen Test zeigen. Schließlich sollte alles gut ausgehen. Am Tag der Tage lief es zunächst gut. Sie kam sichtbar erregt an. Man brachte sie in den Raum, entkleidete sie und machte sie am Kreuz fest. Zuletzt verband man ihr die Augen und ging hinaus. Der erwählte Mitspieler indes verspätete sich um zehn Minuten. »Tut mir leid. Die Autobahn war voll. Ich brauch' zuerst einen Kaffee.« »Ok, aber lass dir nicht zuviel Zeit. Sie ist schon bereit.« »Ja ok.« Er trank und sah sich um. »Sag mal. Möchtest du ablegen?« »Ach so. Natürlich.« Er stand auf und reichte seinen Mantel herüber. »Du müsstest jetzt langsam wirklich. Sie wird immer nervöser werden und das ist nicht gut. Sie überreizt sonst.« »Ich würde gerne noch einen Kaffee trinken. Dann geht es los.« »Nein. Sorry. Jetzt. Das geht so nicht und wir hatten über das Timing gesprochen.« »Gut, dann werde ich mal. Dort?« »Ja, dort rein.« Er ging und für einige Minuten war nichts zu vernehmen. Dann gellte ein Schrei durch die gut gepolsterte Tür. Beide Betreiber rannten los, in das Spielzimmer und zogen ihn von der Frau weg. In all seiner Überforderung war er sie wohl mehr als unangebracht brutal angegangen. Auf den Abbruch folgte seine Flucht und ihr Zusammenbruch. Johnny dachte darüber nach, ob sie es wohl jemals wieder versucht hatte, ihre Vorstellung umzusetzen. Das Leben ist kein Kinofilm und Johnny dachte wieder über seine Rolle nach, die er spielen würde und spielen würde er vermutlich ein Stück weit. Er blickte nochmal in den Spiegel, war zufrieden und machte sich auf den Weg.

Sand im Getriebe
Zum Glück war auf dem Parkplatz nicht viel los. Johnny entdeckte Maries Auto sofort, stieg aus und ging zu ihr hinüber. »Hey. Da bist du ja. Sie ist noch nicht da.« »Hi Sir Johnny.« »Oh, lass das bitte.« »Ja, ist schon gut. Lass uns da hinten warten. Dann können wir noch flüchten, wenn sie nur ein Freak ist.« »Sie ist hübsch. Wird dir gefallen.« Sie gingen zur Bank am Rand des Parkplatzes und setzten sich. »Was für Vorlieben hat sie?« Marie sah Johnny an und nickte auffordernd. »Da stand, sie sei bi, submissiv und sehr aufgeschlossen, auch an Lockerem interessiert.« »Mehr nicht?« »Was interessiert dich denn sonst noch?« Marie zog die Augenbrauen hoch. »Praktische Erfahrungen zum Beispiel, du Date-Profi.« »Frag sie halt. Dafür sind derlei Treffen da.« Johnny merkte, wie ihn Marie zu nerven begann. Dinge delegieren und dann nörgeln - das war eine der Eigenschaften, die er garnicht mochte - neben ihrer überzogenen Eitelkeit, die kaum Grenzen kannte. Es war schon vorgekommen, dass er sie die Treppen herunter stützen musste, weil ihre Highheels es nicht zuließen, den Gang nach unten alleine unbeschadet und überstehen. »Oh, guck. Ist es das Hippie-Mädchen da hinten?« Johnny sah auf und bemerkte Nisha, die schuhlos auf sie zuging. Sie trug ihre langen naturroten Haare hinten locker zusammengebunden und sonst lediglich ein dünnes Batikkleid mit kleinen eingenähten Spiegelscherben. Zielstrebig ging sie auf Marie zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Hi, ich bin die Nisha.« »Marie. Freut mich.« Nisha wandte sich Johnny zu. »Wir haben geschrieben?« »Ja genau. Schön, dass du Zeit gefunden hast. Lass uns ein Stück laufen und reden.« Sie zogen los und Johnny verfluchte die Entscheidung, sich hier zu treffen, sobald sie im Sand landeten. Er hatte schlicht vergessen, wie tief er an einigen Stellen war und wie nervig es war, darauf zu gehen. Zu spät. Da musste er durch.

Schweigend gingen sie eine Weile, wobei sie sich öfter Blicke zuwarfen. Die übliche gegenseitige Musterei. Eines hatte Johnny allerdings schon wahrgenommen und es beruhigte ihn; keine Narben. »Was machst du beruflich?« Johnny verdrehte die Augen, obwohl im klar war, dass die Frage kommen würde. Das war typisch für Marie. Als ob das hier eine Rolle spielen würde. »Ich studiere noch. Mal schaun, was später wird.« »Was für ein Fach denn?« »Wirtschaft« Marie sah sie ungläubig an, vermied es aber, ein »So?« hinterherzuschicken. Wieder schweigend gingen sie weiter und gelangten an eine Lichtung mit noch tieferem Sand. Johnny fluchte. »Hey ihr. Wollen wir uns hier setzen? Ist doch schön.« Marie lachte. »Der Ort war deine Wahl, Sir Johnny. Aber ok.« »Sir?« Nisha sah erst Johnny und dann Marie an. »Hey. Das ist nur so ein Spiel zwischen uns.« Marie grinste. Als sie sich setzten, war ein kurzes Glöckchengeräusch zu vernehmen. Marie sah sich um. »Oh, das war ich.« Nisha sah Marie direkt an und zeigte mit dem Finger auf ihren rechten Knöchel. Dort befand sich eine Kette aus lauter kleinen Metallglöckchen. »Trittst du auch auf Mittelaltermärkten auf oder hast eine Vorliebe dafür?« »Nein.« Nisha lächelte. »Warum dann? Das macht doch Geräusche.« »Soll es. Ich trage die Kette, damit meine Herrschaft immer weiß, wo ich bin und ob ich etwas tue.« Marie sah nochmals zu ihrem Knöchel herunter.

Sie gefiel ihr langsam besser. Das Kleid konnte sie ihr verzeihen und die Glöckchen-Sache erschien ihr irgendwie niedlich. Nishas Körper gefiel ihr, soweit sichtbar. Sogar ihre Hände waren soweit in Ordnung. Lediglich ein hochwertiger Nagellack fehlte, aber das würde sie später mit ihr klären. »Ich finde euch attraktiv. Wollt ihr mich genauer prüfen, bevor ihr euch entscheidet?« Ohne eine Antwort abzuwarten, stand sie auf, zog sich das Kleid aus und ging einen Schritt auf Marie zu. »Dir muss ich gefallen, oder?« Marie sah zu ihr auf und schob ihre Beine ein Stück weit auseinander. »Ja, musst du. So ist es besser.« Nisha wandte sich Johnny zu. »Und du? Was ist mir dir?« Johnny stand auf und strich über ihre Haut. »Ich wäre nicht abgeneigt. Aber warten wir ab.« Mit Daumen und Zeigefinger begann er, eine ihrer Brustwarzen zusammenzupressen. Sie atmete vernehmbar ein, zeigte jedoch sonst keine Reaktion. Er verstärkte den Druck immer weiter. Nichts. Marie beobachtete die Szene schweigend. Es gefiel ihr und sie beschloss für sich, Nishas Körper ebenfalls weiter zu begutachten. Dafür ging sie ein wenig mehr in die Tiefe und empfand Zufriedenheit. Das Unkomplizierte gefiel ihr. Nisha begann leise zu wimmern und Marie sah ihr ins Gesicht und auf Johnnys Hand. »Hey. Bevor das hier eskaliert. Es gibt noch Dinge zu besprechen.« Marie hatte sich wieder. Johnny ließ von Nisha ab und sie setzten sich wieder. Marie sah durch Nisha hindurch und Johnny an. »Wollen wir es langsam angehen lassen und uns am Wochenende Zeit für sie nehmen?« »Von mir aus gerne. Und; dir gefällt sie ja offenbar.« Zu Nisha gewandt: »Was ist mir dir? Hast du Zeit und Lust?« »Ich werde das tun, was ihr wollt. Alles.« »Alles?« Marie sah Nisha fragend an. »Wie meinst du das? Alles gibt es nie.« »Bei mir schon. Ich werde nie Stopp sagen. Ich werde mich nie verweigern. Ihr bestimmt vollkommen. Ich werde es hinnehmen. Ihr müsst aufhören, sollte es zuviel sein. Ich werde mich nicht entziehen. Das tue ich nie.« Johnny und Marie sahen sich an. Vorteil oder Falle? Marie merkte, wie ein Funken Misstrauen in ihr aufblitzte. »Gut. Dann sehen wir uns am Wochenende. Ich schreibe dir noch, wann und wo.« Johnny schien die Falle zur Seite geschoben zu haben. »Danke.« Nisha nickte. »Darf ich mich wieder anziehen?« »Ja. Tu das ruhig. Wir müssen dann auch.«

Den Weg zurück zum Parkplatz brachten sie schweigend hinter sich. Johnny ging vor, Marie sinnierte und Nisha lächelte vor sich hin. An Maries Auto angekommen umarmten sie sich gegenseitig. Marie blickte zu Nisha. »Kann ich dich noch mitnehmen?« »Vielen Dank. Ich fahre mit dem Bus. Es ist nicht weit.« »Gut. Dann wünsche ich dir einen guten Heimweg. Bis Samstag. Johnny klärt alles.« Johnny nickte ihr zu. »Bis dann, Nisha.« Nisha winkte noch und ging. »Und?« Johnny fuhr Marie durchs Haar. »Sie gefällt dir?« Johnny überhörte den Unterton nicht. »Ja, tut sie. Aber ich spiele hier nicht die Hauptrolle.« »Das sah ganz anders aus.« »Ach komm schon. Also. Was meinst du? Würde sie in unser kleines Freizeitkollektiv passen?« Johnnys Gehirn brauchte nur wenige Millisekunden, um zu erfassen, dass die Situation nun kippen würde. »In bitte was? Wir haben was?« »Es geht doch um unsere Freizeit. Was ist daran falsch?« Marie spürte, wie die Wut in ihr hochkam. Jetzt nicht emotional werden. Es lief doch ganz gut. Sogar besser, als sie es von ihm erwartet hatte. »Liebst du mich überhaupt?« »Was hat das jetzt damit zu tun? Du wolltest jemanden.« »Aber nicht für ein Kollektiv, du Prolet. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich unter diesen Umständen etwas mit ihr mache.« »Und jetzt?« Johnny sah sie irritiert an. »Jetzt fahre ich. Lass uns die Tage reden. Ich muss nachdenken. Ciao.« Marie drehte sich um, stieg ins Auto, fuhr und Johnny stand im Sand.

Auf dem Weg zum Auto dachte er über ihre Frage nach. Sie traf ihn. Allerdings, so wurde ihm klar, weil er diese Entscheidung für sich offenbar noch nicht getroffen hatte.