Johnny stand auf und eilte ins Bad. Ihm war kalt. Nachdem er seine Haare einigermaßen in Ordnung gebracht hatte, kam er zurück. »Ich zieh mir was an. Es ist doch recht kühl.« »Och. Na gut, ich nicht. Vielleicht ...« Johnny zog sich eilig an und setzte sich wieder. »Nö.« »Wie nö?« »Stell dich vor den Sekretär und lege die rechte Hand darauf ab. Und bitte nicht zu cool.« Johnny baute sich auf und Stefanie nahm sich die Kamera. Sie schoss ein paar Bilder, während Johnny sie eingehend betrachtete. »Ist was?« »Nichts weiter.« »Doch. Also was? Das eine Bild ist brauchbar für den Zweck. Alles gut.« »Das meine ich nicht.« »Na, was dann?« »Egal. Ist ja noch Zeit.« Stefanie sah ihn direkt an. »Oh, ich bin zufrieden. Können wir jetzt weitermachen?«

Im Rückspiegel
Stefanie zeigte ihm das Bild, das sie für geeignet hielt. »Ok, ladt es hoch.« Sein Bild erschien im Profil. Wie immer, war er nicht sonderlich begeistert, nahm es aber hin. »Welchen Nutzernamen möchte der feine Herr denn angeben?« »J Berlin - bevor sich wieder Leute aus irgendeinem Kaff melden. Das würde zu nichts führen.« Der Name war noch frei oder besser gesagt; wieder. »Die Standards fülle ich schnell aus. Schenk uns noch Wein ein.« Johnny griff sich die Gläser und ging zum Tisch herüber. »Hey Johnny! Vanilla, Top oder was?« Stefanie lachte. »Eher Top, wenn möglich. Ich verachte diese Festlegung. Das weißt du doch.« »Ok, gibt es auch. Ich schreibe noch einen kurzen Text dazu. Was ihr sucht, ist mir ja klar.« »Ja, mach. Aber bitte so, dass sich keine frustrierte Ehefrau meldet, die ihre Defizite ausgleichen möchte und ständig über ihren verständnislosen Ehemann redet. Das wäre nett. Erinnerst du dich noch an die im Club, die da an der Decke hing? Sowas auf keinen Fall.«

Stefanie erinnerte sich natürlich. Sie war mit ihm und Marie gemeinsam dort. Johnny hatte Marie auf eine eher subtile Art präsentiert. Er ließ sie kommen, während sich immer wieder Blicke anderer Gäste zwischen ihre Beine verirrten; teils offensiv interessiert, teils scheu. Marie hatte sie dabei die ganze Zeit fixiert und sie hätte sie gern geküsst; traute sich aber nicht. Sie wusste, dass Johnny dieses Ablenkung nicht wollen würde. Als es vorbei und ihre Erregung abgeklungen war, drangen seltsame kurze Schreie an ihr Ohr. Am Haken an der Decke der zentralen Spielfläche hatte man eine Frau mittleren Alters festgemacht. Trotz ihrer noch guten Figur wirkte sie in ihrem Lack-Outfit lächerlich. Seitlich von ihr hatten sich zwei Männer gleichen Alters positioniert und bearbeiteten sie eher schauspielhaft mit billigen kurzen Peitschen aus dem Erotik-Shop. Ob es an Geldmangel oder Stilfreiheit lag, ließ sich nicht ergründen. Möglichkeit zwei erschien jedoch realistischer. Ein Blick auf ihre Kleidung reichte, um sich dessen relativ sicher zu sein. Und wieder ein übervorsichtiger Schlag, gefolgt von einem theatralisch aufgesetzten Schrei. Wirklich grotesk war hier aber der fast um Beifall bettelnde Blick der hängenden Hausfrau, die in der Hoffnung auf Anerkennung immer wieder in die Runde blickte. Von Stefanie bekam sie diese jedenfalls nicht, da sie vollauf damit beschäftigt war, sich das Lachen zu verkneifen. Gut, derlei Kontakte ließen sich sicherlich vermeiden. Stefanie schrieb weiter und setzt noch ein paar Häkchen, um Klarheit zu schaffen. »Fertig. Du bist im Spiel. Wollen wir mal stöbern?«

Visueller Overkill
Eigentlich hatte Johnny keine große Lust, einen Blick in das Mitgliederverzeichnis zu werfen. Andererseits beschäftigte ihn der Gedanke daran, ob er Akteure aus der Vergangenheit wiederfinden würde. Die Aussicht auf die sich daraus zwangsläufig ergebenden Konflikte nervten und amüsierten ihn nahezu gleichzeitig. Einen Beliebheitspreis hatte er damals nicht gewonnen, was auch an seinem schnellen und konsequenten Zugriff auf Marie lag. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls übertrug man ihm die Verantwortung dafür. Lediglich Stefanie und ein paar andere Mitspieler nahmen das damals positiv entspannt auf. »Schau mal. Master C. Den gibt es auch noch.« Johnny sah Stefanie ungläubig an. »Das überrascht dich? Der lebt doch davon, dort aktiv zu sein.« »Ja. Das ist so. Wir hatten allerdings lange keinen Kontakt mehr und ich war mir nicht sicher. Geht mich auch nichts mehr an.« Johnny vermied es, weiter auf Christian einzugehen. Er wollte Stefanies Laune nicht ins Bodenlose reißen. Inkompatibler als die Beziehung zwischen Stefanie und Christian hätte eine kaum sein können. Dennoch ließen sie es darauf ankommen und scheiterten mit einem Maß an Dramatik, das sogar für Johnny nicht mehr zu ertragen war. »Lass mal Filter setzen oder willst du doch mal einen Typen?« Stefanie lachte wieder. »Untersteh dich.« »Gut - wen haben wir denn da? Oh.« »Schon was erspäht?« »Nein. Nichts, was du oder Marie wollen würdet. Ich übrigens auch nicht. Es sei denn, ich schule zur Diät-Beraterin um.« Johnny verdrehte die Augen. »Setz mehr Filter. Bitte.«

Nisha
Stefanie klickte weiter und die Übersicht auf dem Monitor wurde interessanter. »Die da. Was ist mit der?« Johnny sah in das Gesicht einer Frau, etwa in Maries Alter und keineswegs unattraktiv. »Was mag sie so?« »Na, zumindest ist sie submissiv und bi. Damit wären zwei Punkte doch erledigt. Ganz hübsch auch noch. Natürlich nicht wie ich, aber mich wollt ihr ja nicht.« »Marie will dich nicht.« »Das ist ja das Elend. Auf dich könnte ich im Notfall verzichten.« Stefanie stieß ihm lachend den Ellenbogen in die Seite. Johnny verspürte kurz den Drang, sie übers Knie zu legen, verwarf die Idee aber wieder. Kein Sex jetzt. »Hm. Nisha. Hübscher Name. Ist indisch und bedeutet Nacht.« »Warum nennt die sich so? Sie sieht nicht indisch aus.« »Ist doch egal. Vielleicht hat sie ein Faible dafür oder möchte etwas damit mitteilen. Alias ist Alias.« Johnny nickte und seine Augen fraßen sich in Nishas Gesicht fest. Er hatte ein ausgesprochenes Faible für Gesichter; immer schon. Natürlich musste auch der Rest passen. Dennoch war das Gesicht stets der Hauptanziehungspunkt. Passte es hier nicht, passte garnichts.

Nishas Gesicht besaß eine harmonische und doch auch ein Stück weit harte Linienführung. Das sprach ihn an. »Gibt es noch mehr zu sehen?« »Ja klar. Hier in ihrer Galerie.« Es erschienen einige Bilder, die Nisha in verschiedenen Posen zeigten, allerdings immer vollständig bekleidet. Was gänzlich fehlte, war das sonst übliche infantile Geschwätz über die Suche nach einer Herrschaft, völliger Hingabe und 24/7-Phantasien. Die Mehrheit »gehörte« alle paar Monate ohnehin einem anderen Herren; natürlich »vollkommen« und für immer. »Was sind das eigentlich für Klamotten und was soll die Fußkette?« Stefanie verdrehte die Augen. »Was stört dich? Sie ist hübsch. Die Klamotten waren sicherlich nicht billig und stehen ihr.« »Wenn du meinst. Ok. Lass uns sie anschreiben und unverbindlich verabreden.« »Du schreibst sie an. Sie ist für euch, nicht für mich.« Stefanie rutschte ein Stück und Johnny schrieb ihr eine kurze Nachricht mit dem Wunsch nach einem Termin auf neutralem Boden. Die Antwort kam umgehend. »Strike!«, entfuhr es Stefanie. »Ok, jetzt habe ich mir eine Belohnung aber verdient.«