Straßendreck
Unten angekommen empfing ihn eine doch angenehme Kühle, die allerdings vom Geruch nach Kloake durchsetzt war. In der Stadt war dies unvermeidlich, über einer Unterwelt, in der es moderte. Das achtlos in die Kanalisation gekippte Fett unzähliger Imbisse faulte vor sich hin und selbst nach einem Regen machte sich der Gestank der Fäulnis noch bemerkbar. Johnny ging schneller, um sich davon zu entfernen - irgendwie. Er wollte ein leichtes Frühstück – nur ein Croissant, einen Milchkaffee dazu. Die Vernissage am Vorabend hatte ihn mit einem Champagnerersatz beglückt, dessen Folgen er allzu deutlich spürte. Die infantile pseudo-intellektuellen Gespräche, die man ihm aufgebürdet hatte, rundeten den negativen Eindruck ab. Hingegangen war er wegen Sabine, an deren Haus er jetzt eilig vorbei ging. Er hatte den Gedanken, sie zu beschlafen nach den ersten drei Sätzen verworfen, die er gestern vernahm und wollte allein die Vorstellung davon nicht mehr zulassen. Gegen die Gedanken an ihr Weltbild würden auch Knebel nichts helfen, wenn sie vor ihm läge. All das mürrisch erinnernd bog Johnny an der nächsten Straßenecke ab und ein kühler Windhauch wehte auch die letzen unangenehmen Gedanken an den Abend weg. Sabine hatte verspielt.

Kaffee oder Tee

Johnny näherte sich einem Straßencafé, das er vor ein paar Wochen bereits aufgesucht hatte. Sein damaliger Eindruck war gut. Der Kaffee war hochwertig und das damals deftige Frühstück reichhaltig. Lediglich die Bedienung war ihm zu burschikos, aber was machte das schon. Nicht mehr ganz so übellaunig nahm er Platz und wartete auf das bengelhafte Wesen, um endlich frühstücken zu können. »Kaffee oder Tee?», krächzte es an sein Ohr. Natürlich - ein schlichtes »Guten Morgen« wäre auch zu viel verlangt gewesen. Ohne sie weiter zu beachten, bestellte Johnny ein französisches Frühstück, um weiter ins Nichts zu starren. An einer Zeitung hatte er kein Interesse. Das Weltgeschehen langweilte ihn. Kurze Zeit später hörte er sie kommen. Das Frühstück fand seinen Platz auf dem Tisch und schlagartig wurde ihm klar, dass er ein Schild mit dem Hinweis »Neue Bewirtschaftung« übersehen haben musste. Zu spät. Ein minimalistischer Milchkaffee in einem hässlichen Glas schwappte vor ihm hin und her, als ob er das eingedrückte Supermarkt-Croissant angreifen wollte. Übel genommen hätte Johnny ihm das nicht. Er würde sich beeilen müssen. Das Croissant, das seinen Namen nicht verdiente, herunter spülen und schnell wieder gehen, bevor ihm der Aufenthalt den gesamten Tag verderben würde. Er benötigte exakt 5,4 Minuten, zuzüglich des Bezahlvorgangs. Eigentlich schon zu viel Zeit für zu schlechten Kaffee mit einem pappigen Croissant. Den visuellen Kontakt mit der Bedienung hatte er erfolgreich vermieden. Hastig verließ er das Café, das er nie wieder aufsuchen wollte; eigentlich.

Maries Pyjama
Mehr oder weniger nervös ging Johnny die Straße entlang, nicht ohne zu bemerken, dass er sich Maries Haus näherte. Sollte er sie aufsuchen? Sie hatten sich eine Weile nicht gesehen, weil sie sich nach einem Treffen immer eine Weile nicht sahen. Unabhängig davon, wie es ausging, brauchte Johnny danach immer eine Pause. So sehr es ihn auch zog, die Überdosierung vermied er konsequent. Nur noch wenige Schritte, dann würde er ihr Haus erreichen. War sie da, unterwegs, würde sie arbeiten oder im Urlaub sein - er wusste es nicht. Nur eines durfte nicht sein; dass sie in dem Moment durch die Tür kam, in dem er vorbei ging. Kaum etwas hätte ihn mehr stören können. Er war nicht in der Verfassung, einen derartigen Kontakt zuzulassen. Noch zwei Schritte. Johnny bemerkte, wie er schneller wurde, sich seine Schrittlänge veränderte, um es hinter sich zu bringen. Geschafft. Wieder entspannter ging er weiter und suchte die Umgebung nach Bemerkenswertem ab. In der Glasfassade gegenüber spiegelte sich Maries Haus und er sah sie am Fenster, leicht übergebeugt, noch im Pyjama. Entdeckt hatte sie ihn nicht und Johnny dachte kurz darüber nach, sich bemerkbar zu machen, entschied sich aber dagegen. Einen letzten Blick noch auf das Mädchen im Pyjama am Fenster und dann schnell um die nächste Ecke. In Sicherheit. Ein paar Meter weiter wollte er einen Buchladen aufsuchen. Der Gedanke an ein echtes gedrucktes Buch hatte ihn seit Tagen nicht verlassen und die Beschäftigung damit würde ihn davon abhalten, den Kontakt zu Marie zu suchen, die ihn entweder verführen oder verärgern würde. Beides wollte er vermeiden.

Stefanies Gift

Jacks Bookstore empfing ihn mit dem bekannten Muff. Das Antiquariat hielt eine mehr als vielfältige Auswahl der sonderbarsten Bücher bereit. Insbesondere die Kleinauflagen, die es nie in die Bestsellerlisten geschafft hatten, weckten sein Interesse und hatten ihm oftmals bewiesen, dass die Auflage nichts mit der Qualität des Textes zu tun haben musste. Erfolg, auch hier, war ein Ergebnis aus Glück und Marketing. Jack selbst war nicht da. Dafür kam ihm Stefanie entgegen. Teufel oder Beelzebub, schoss es durch seinen Kopf. Vor einigen Monaten hatte er sich mit ihr verabredet. Ihr Wissen hatte ihm imponiert, ihre Erscheinung weniger. Dennoch hatte er es darauf ankommen lassen. Dabei war sie keineswegs hässlich. Ganz im Gegenteil. Nur etwas wirklich Anziehendes, was über ein intellektuelles Interesse hinaus ging, fehlte ihr völlig. Johnny hatte sich dennoch verpflichtet gefühlt, ihr körperlich zu begegnen, was sich als Fehler herausstellte. So sehr er sich mühte, gelang es ihm nicht, etwas über ein mechanisches Machen hinausgehendes zu schaffen. So bediente er sie und sich eher roboterhaft und ging dann. Stefanie war es nicht aufgefallen. Über Wochen sandte sie ihm Nachrichten und drängte auf ein weiteres Treffen, dem er sich stets entzog. Jetzt stand sie vor ihm und sah ihn mit einer Mischung aus Freude und Verunsicherung an. Johnny bemühte sich, möglichst emotionslos zu reagieren, was ihm naturgemäß wenig Probleme bereitete. Nach einem belanglosen Geplänkel über das gegenseitige Wohlbefinden, wandte er sich den Bücherregalen zu und begann, nach Werken zu forschen, die mehr boten als das übliche Einerlei. Nach einer Weile, die er mit dem Lesen von Klappentexten verbrachte, die es nicht vermochten, ihn zu begeistern, bemerkte er, wie sich Stefanie aufmachte, sich ihm wieder zu nähern. Je weiter sie kam, desto mehr versuchte er, sich auf die Klappentexte und die Ausstattung der Bücher zu konzentrieren. Doch keines davon vermochte ihn zu überzeugen. »Hast du heute Abend Zeit?« Stefanie hatte ihn erreicht und Johnny begann umgehend mit der Suche nach einem Ausweg. Ein kurzes Intermezzo hätte ihn mental zwar entlastet, doch erschien ihm der Preis dafür zu hoch. 

Stefanie stellte sich neben ihn und betrachtete das Buch in seiner Hand. Sie kannte es. Sie kannte jedes verdammte Buch. Es handelte von einer Wunderkammer, einem privaten Museum mit den sonderbarsten Dingen, Naturwundern und kleinen Lügen, Mythen und Monstren. Eine Vorstellungswelt längst vergangener Zeit, zusammengefasst in unglaubhaften Berichten, Halbwahrheiten und Zeichnungen. So sehr unterschieden sich die Menschen vergangener Jahrhunderte doch nicht von uns, dachte Johnny. Auch sie glaubten den Erklärungen durch die bloße Existenz der Erklärung. »Nimmst du es mit?« Stefanie gab nicht auf. »Ich glaube schon. Ja.« Ein schneller Kauf würde den Kontakt zu Stefanie auf ein Mindestmaß beschränken und Johnny wollte den Weg zur Kasse antreten, doch sie verstellte ihm den Weg. »Alles ok?« Stefanie berührte ihn am Arm - ganz so, als wolle sie seine Richtung ändern, nein, ganz sicher sogar. »Es ist alles in Ordnung.«

»Ich möchte nur das Buch, etwas darin lesen und dann Marie stalken.« Stefanie lachte und Johnny vergrub die anfängliche Hoffnung, sie würde aufgeben. Dabei fiel ihm ein - die Idee hatte durchaus ihren Charme. Er könnte sich in das Café gegenüber von Maries Wohnung setzen, dort lesen und sie verärgern, so sie ihn denn bemerkte. »Wann hast du Marie das letzte Mal gesehen?« Stefanie gab immer noch nicht auf. »Vorhin. Darum will ich sie ja beobachten. Einfach, um ihr später, irgendwann, zu erklären, dass sie sich nicht einbilden soll, mich los zu sein.« Johnny bemühte sich, möglichst viel Ernsthaftigkeit in seine Stimme zu legen. Stefanie lachte laut los. »Du spinnst. Hey - ich schließe ab und begleite Dich. Lass uns Marie auflauern und vielleicht…« Mitten im Satz brach sie ab und lächelte ihn unverschämt an. »Ich weiß, dass ihr mal was hattet. Willst du darauf hinaus?« Johnny spürte, wie er in ihre Falle lief - blindlings und wider besseren Wissens. Doch es war zu spät. Leichtfertigkeit machte sich in ihm breit und der Gedanke daran, dass sich so seine Langeweile vertreiben ließ, gewann Oberhand. Stefanie begann zu grinsen und beendete ihren Mimikausflug mit der Eingabe des Kaufpreises in die Kasse. »24 Euro, Johnny. Für Dich.« Johnny zahlte und begann zu überlegen, was ihn dieser Sonderpreis noch kosten würde. Gemeinsam verließen sie Jacks Laden, der sich am nächsten Tag für einige Minuten aufregen würde. Für mehr Engagement in diesen Dingen war er nicht zu haben und Stefanie wusste es. Gemeinsam gingen sie zum Café, setzten sich und Stefanie bestellte, während Johnny darüber nachdachte, ob es ihm gelingen würde, sie auf der Toilette zu vögeln, wenn er nur intensiv genug an Marie dachte. Dies würde die einzige Möglichkeit sein, Schlimmeres zu verhindern.