Sie trank einen Schluck und stellte das Glas ab. Wasserränder. Sie hatte Johnny etliche Male erklärt, er solle die Gläser nach dem Spülen polieren, umfassend erläutert, warum. Das Ergebnis stand vor ihr. Ein zweiter Blick fiel auf den weißlichen Rand, der den unschönen Fleck begrenzte. Kurz war Marie versucht, das Glas samt Inhalt an die Wand zu werfen. Dieses dumme Arschloch, fuhr es ihr durch den Kopf. Er hatte sich seit Tagen nicht mehr gemeldet. Während ihres letzten Zusammentreffens eskalierte die Situation. Wieder war es sein ungezügelter Spieltrieb, sein Hang zu Eskapaden aller Art. Dabei hatte der Abend durchaus vielversprechend begonnen, für Johnnys Verhältnisse fast schon harmonisch. Die ausgewählte Bar verdiente ihren Namen, die Drinks waren gut und das Publikum angenehm. Johnny unterhielt sich mit einem anderen Gast, der, wie sich herausstellte, durchaus Verständnis für hedonistische Ambitionen aufbrachte. 

Marie ließ Johnny tun und spielte mit dem Gedanken an die Folgen. Mit dem, was dann kommen würde, hatte sie allerdings nicht gerechnet. Ebenso wenig mit der Intensität. Es hatte ihm nicht gereicht, einfach nur zuzuschlagen. Johnny hatte ohne jeden erkennbaren Auslöser einen massiven Aschenbecher gegriffen und seinem Gegenüber das Gesicht zertrümmert. Drei Schläge kurz hintereinander und Marie starrte in ein aufgeplatztes Gesicht, dem die Zeit fehlte, den Ausdruck zu ändern. Er lächelte noch immer, als er in sich zusammensackte. Johnnys Gesicht hatte dabei keinerlei Regung gezeigt. Auch nicht, als er immer wieder in den am Boden liegenden Jungen trat, bis ihn andere Gäste wegrissen. Marie hatte die Situation regungslos beobachtet, war zu keiner Reaktion fähig gewesen. Sie erwachte erst aus ihrer Benommenheit, als der Notarzt und die Polizei die Bar betraten. Den Unbekannten trugen sie heraus, Johnny führten sie ab, Marie stellte ihr Glas auf die Theke und ging.

Seit diesem Abend hatte sie sich außerhalb des zwingend erforderlichen Rahmens nicht mehr unter Menschen begeben. Dabei scheiterten sämtliche Versuche, hinter den Grund für Johnnys Handeln zu kommen. Alle Abenteuer, die sie bislang mit ihm erlebt hatte, waren nie von Gewalt geprägt. Dabei hätte es genug Auslöser dafür gegeben. Einige hatte er, andere hatte sie provoziert. Doch nie war etwas geschehen. Marie nahm die Flasche und füllte ihr Glas erneut. Der Wasserrand war fast verschwunden. Wein hilft immer. Nur nicht Johnnys Opfer. Er würde einen guten plastischen Chirurgen brauchen. Immerhin begann der Wein zu wirken. Wein hilft immer. Ein Schluck jetzt.

Die folgenden Gläser leerten sich ohne weiteren Erkenntnisgewinn, allerdings nicht folgenlos. Marie genoss es, die Erinnerung an diesen Abend zu verlieren. Er begann, sich aufzulösen und fast konnte sie dem Geschehenen etwas Amüsantes abgewinnen. Für Johnny würde es wohl teuer werden, Konsequenzen nach sich ziehen. Das wäre dann wirklich eine neue Erfahrung. Je mehr sie sich in diesen Gedanken verstieg, desto unwichtiger erschien ihr das Schicksal seines Opfers. Er würde es schon überlebt haben und manche Dinge geschehen eben einfach. Marie war schwindelig und der Gedanke keimte in ihr auf, den Wein Wein sein zu lassen. Immerhin war es bereits drei Uhr, was den Ausblick auf den folgenden Arbeitstag nicht verbesserte. Mit einem Ruck stand sie auf, stieß gegen den Tisch. Noch verärgert über ihre Ungeschicklichkeit sah sie, wie das Glas sich mühte, den Tisch zu verlassen, war jedoch unfähig, rettend einzugreifen. Noch ein Opfer.

Marie fluchte leise in sich hinein, als sie mehr oder weniger geschickt in die Hocke ging, um die Splitter aufzusammeln, die sie aus der Restweinpfütze anfunkelten. Langsam nahm sie Teil für Teil auf und warf sie in den Mülleimer. Als sie den Deckel schloss, bemerkte sie, dass sie sich die Hand aufgeschnitten hatte. Das Blut tropfte auf den Boden und ihre Hand fühlte sich warm und klebrig an. Für einen Moment sah sie das Gesicht des am Boden liegenden Jungen und hätte es gerne berührt. Es läutete.