Johnny und Stefanie saßen immer noch rum, redeten und versuchten von Zeit zu Zeit ungeschickt unauffällig zu ihrem Fenster zu blicken. Blöde lächerliche Laien, dachte sie bei sich. Das beschissene Gefühl, in der Defensive zu sein, wurde sie trotzdem nicht los. Stefanie stand auf und ging hinein. Sofort blitzten in Marie Bilder auf; von Stefanies dürren Fingern mit den zerfetzten Kuppen, wie sie Johnnys Schwanz umklammerten, um ihn sich in den Mund zu stopfen. Eilig trank sie einen Schluck Kaffee; in der vagen Hoffnung, den faden Geschack überdecken zu können, der sich eingestellt hatte. Stefanie kam wieder heraus. Sie sprach irgendwas. Johnny antwortete, ohne sie anzusehen. Nachdem sie ein paar Schritte zurückgelegt hatte, stand auch er auf und ging in die entgegengesetzte Richtung davon. Erleichterung überkam Marie. So konnte es trotzdem nicht weitergehen. Ein Plan musste her. Einer, der für sie und ihn passte. Zeit für eine Dusche.
Immer noch genervt verschwand sie im Bad. Es gab noch Dinge zu erledigen und Johnny hatte sie schon viel zu lange aufgehalten. Mit ihm würde sie später in Kontakt treten. Dabei war es ihr auch egal, dass er gerade wieder Verstecken spielen wollte. Sie kannte die Floskeln schon. Mal brauchte er Zeit für sich, mal war es der Job, mal wurden andere Gründe vorgeschoben. Er hätte auch einfach zugeben können, dass es an seinem infantilen Spieltrieb und seiner Scheu vor langfristigen Bindungen lag. Immer wieder Neues, um dann auf die Bremse zu treten. Manchmal wunderte sie sich, dass sie trotzem über Jahre den Kontakt gehalten hatte. Ein wenig mehr Struktur würde ihr allerdings gefallen. Nur; wie macht man das mit so einem? Auf die Spitze getrieben hatte er es erst vor ein paar Wochen. Marie und er gingen durch die Stadt und er fand es amüsant über diese zu plappern, die sich jeden Tag neu erfindet, wie er selbst sich auch. Marie stieg in die Dusche und versuchte, den ganzen konstruierten Mist mit herunterzuwaschen. Immerhin hatte er sich ihrer nicht bedient. Das hätte weitere Tage Nichtkontakt bedeutet.
Der Job muss getan werden ...
Es war Abend geworden. Marie hatte erledigt, was erledigt werden musste. Ein Gefühl der Erleichterung stellte sich ein, der Zufriedenheit nicht. Wie auch. Sie musste Johnny erreichen. Es duldete keinen Aufschub. Andernfalls würde er wieder etwas provozieren, was sie von ihrem Vorhaben abbringen würde. Das kannte sie schon. Eine, seine, Taktik - so vulgär wie effektiv. Nachdem sie sich ein Glas Primitivo eingeschenkt hatte, von dem sie wusste, dass er nicht zum Wetter passen würde, schrieb sie ihn an. Eine Abfuhr erschien ihr so leichter verkraftbar. »Wir müssen reden!« schrieb sie und ärgerte sich sogleich über die klischeehafte Wortwahl. Erwartbar, dass lediglich ein »Warum?« erschien. »Darüber reden wir unter vier Augen. Heute. Hier. In einer Stunde. Und nebenbei bemerkt: Ich habe euch gesehen. Aber das ist nicht der Punkt.« Ungefähr drei Millisekunden nach dem Absenden der Nachricht verspürte sie den Wunsch, sich dafür selbst die Finger zu brechen. Andererseits; es war raus. Ein Ankerpunkt für Spielchen weniger. »Na und? Ok, bis später.« kam es lapidar zurück. Marie legte das Smartphone zur Seite und sah sich um. Gab es Verdächtiges? Irgendwas, womit er ablenken könnte? Nein. Seit seinem letzten Besuch hatte sie nichts verändert. Eine Chance weniger, das Gespräch abgleiten zu lassen. Marie fühlte sich sicher. Beim letzten Versuch, ein paar Dinge zu klären, hatte er es tatsächlich vollbracht, eine Stunde lang über ein Bild zu salbadern, das sie auf einem Flohmarkt erstanden hatte. Geklärt war dann nur, dass das Treffen ein Verlustgeschäft war. Noch ein Schluck Wein. Er passte immer noch nicht.
Es läutete. Fünf Minuten zu früh. Dann ist es eben so. Marie zog die Tür auf und begrüßte ihn aufgesetzt distanziert, was sie und er bemerkten und ignorierten. »Glas Wein?« Marie deutete auf die angebrochene Flasche. »Primitivo? Na ok. Warum nicht. Kaffee hatte ich genug.« Marie schenkte ihm ein Glas ein; nicht ohne anzumerken, dass sie es poliert hatte. »Das muss auch so sein. Gut.« Der Wunsch nach Tätlichkeit klopfte in Maries Kopf an. »Sollte man meinen. Aber darum geht es nicht. Also ...« Johnny sah sie amüsiert an, vermied jedoch Übertreibung. »Also um was geht es? Ach ja. Ich hatte ein recht interessantes Gespräch mit Stefanie und soll dich grüßen. Sie mag dich und hatte die Idee ...« Weiter kam er nicht. »Ich habe weder Interesse an ihr, noch an euren Gesprächen und auch nicht an ihren Ideen. Darum bist du auch nicht hier.« In Johnny wuchs die Erkenntnis, dass weitere Sticheleien keine besonders gute Idee sein würden und wechselte den Betriebsmodus. »Ok, dann raus damit. Über was möchtest du konkret mit mir reden. Eine Bitte. Komm auf den Punkt.« Marie sah ihn an und dachte für einen Moment über das Verhältnis von Macht und Ohnmacht für das folgende Gespräch nach, begann es dann aber einfach. Er würde ihre mühsam zurechtgelegte Dramaturgie ohnehin bei der ersten Gelegenheit torpedieren.
»Es ist Folgendes.« »Ja?« »Unterbrich' mich nicht. Fang das garnicht erst an.« Johnny biss sich auf die Lippen und schwieg. »Ich möchte zwei Dinge. Erstens, dass wir uns öfter sehen und nicht nur, wenn es dir passt. Zweitens möchte ich, dass wir uns einen neuen Menschen suchen. Du weißt, warum.« Johnny sah sie an und versuchte, das Gehörte richtig einzuordnen. »Ich könnte es einrichten. Es wäre dann natürlich gut zu wissen, ob du überhaupt im Land bist. Ich werde sicherlich nicht fliegen, um mich mit dir zu treffen.« »Das musst du auch nicht. Dieses Jahr steht nichts mehr an. Melde dich einfach öfter. Ich werde es auch tun.« Marie fühlte sich erleichtert, den ersten Punkt diskussionsfrei abgehandelt zu haben. Allerdings war es auch genau das, was sie leicht irritierte. Er war doch sonst nicht so. Handelte es sich wieder um ein taktisches Foul oder würde er ihre Bedürfnisse wirklich mehr berücksichtigen? Vermutlich würde sich das schnell zeigen. Wirklich wohler war ihr nun zwar nicht, doch da war eben noch die andere Sache. »Ich möchte eine neutrale Spielpartnerin.« Marie sah ihn an und wartete auf eine irgendwie verwertbare Reaktion. »Was ist mit Ella?« Johnny sah sie an. In Marie begann es zu brodeln. »Ella gehört mir und du kannst nichts mit ihr anfangen.« Johnny zog die Augenbrauen hoch und schüttelte mit dem Kopf. »Wie kommst du drauf? Sie ist attraktiv und ich kann mit ihr reden.« »Du sollst nicht mit ihr reden. Falls du es vergessen hast oder vergessen wolltest; neulich - das war ein Fiasko. Ich komme mit Ella bestens alleine klar.« Hinter Johnnys Stirn begann ein pinkes Burlesque-Trio zu tanzen, das ein Transparent mit »Fick dich doch selbst!« in die Luft hielt. »Dann eben keine Ella.« »Du hättest sie ficken sollen, kleiner Johnny.« fuhr es aus Marie heraus. »Das war mein Plan und ihrer auch. Dir aber war die Mädchen-Show lieber und davon hatte ich zu wenig.« »Dein Sofa sprach eine andere Sprache.« In diesem Moment wurde sich Johnny der Tatsache bewusst, dass das Eis von nun an nicht mehr besonders tragfähig sein würde. »Wie ich bereits sagte. Dann keine Ella. Schade, aber was solls.« »Schade war dein Auftritt. Aus diesem Grund verläuft um Ella herum eine Grenze.« Johnny nickte. Das ließ wenigstens keinen weiteren Interpretationsspielraum zu.
Jagdzeit
»Schön, dass wir jetzt wissen, was du nicht willst. Also was willst du?« Marie kniff die Augen zusammen. »Also.« Ihr Blick verhinderte die Zwischenfrage erfolgreich. »Ich möchte eine, die mich und dich visuell anspricht, die aufgeschlossen ist und keine weitere Bindung sucht und im Idealfall auch keine andere hat. Du weißt genau, warum. Und ...« Johnny war weniger beunruhigt als befürchtet. »Das ist dein Job.« Johnny dachte kurz darüber nach, Stefanie nochmals ins Spiel zu bringen, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. »Wie stellst du dir das vor? Soll ich mein Adressbuch durchforsten?« »Ich meine, mich daran erinnern zu können, von einem neuen Menschen gesprochen zu haben. Du nicht?« Marie ärgerte sich über seinen durchschaubaren Versuch, eine für ihn bequeme Lösung zu finden. Sicherlich hoffte er wieder, sie würde sich darauf einlassen, damit überhaupt etwas Bewegung in die Sache kommt. »Da gibt es aber auch neue Menschen in diesem Kontext.« »Ach ja?« Marie sah ihn mit spöttischem Blick an. »Wen denn?« »Erinnerst du dich noch an Jo?« Marie begann, laut loszulachen. »Was ist daran jetzt so witzig? Du fandest sie doch ganz nett.« Marie fing sich wieder und schüttelte immer noch belustigt, den Kopf. »Du hattest was mit ihr. Schon vergessen. Echt jetzt. Johnny!« »Hatte ich nicht.« »Ich stand daneben.« »Du warst aber nicht dabei.« »Muss ich auch nicht. Ich weiß, dass du von ihr abgestiegen und gegangen bist, weil sie dir haptisch dann doch nicht zusagte. Ja, sie hat geredet. Leb' damit. Du wolltest die dünne kalkweiße Gothic-Barbie aber unbedingt. Damit ist sie raus. Der Rest ist dein Problem.« Er sah seine aufwandsoptimierten Lösungen des Problems in Rauch aufgehen. Einige, die ihm noch einfielen, waren anderweitig gebunden, andere hassten Marie noch mehr als sie Stefanie. Er saß in der Falle.
Marie runzelte die Stirn. Johnny sah sie an und durchbrach die aufkommende Stille. »Und jetzt? Ich habe Vorschläge gemacht.« »Nein, eigentlich nicht.« »Was wäre denn deine Idee? Johnny empfand sich in diesem Moment als sehr kooperativ. Marie spürte Verärgerung; ihre und das deutlich. »Ist das jetzt aufkommende Demenz, mein Bester? Dir wird doch die Erinnerung an vergangene Jagdgebiete nicht vollständig abhanden gekommen sein. Es gibt da so zwei Portale, weißt?« Natürlich erinnerte sich Johnny. »Die fandest du doch alle bescheuert.« »Dennoch gibt es dort brauchbares Material, wenn man die richtigen Filter setzt. Das weißt du genau. Nur eine Bitte hätte ich neben meinen visuellen und intellektuellen Präferenzen, die du kennst.« »Und die wäre?« »Ganz einfach: Der Track Borderline gefällt mir. Entsprechende Leute weniger. Du weißt ganz genau, wen ich meine. Ich vergesse derlei nicht.« »Ach so. Diana und ihre Schwester.« »Exakt.«
Johnny sah den letzten Strohhalm verglimmen und fand sich mit seinem Schicksal ab. Wollte er die Situation befrieden und daran war ihm sehr gelegen, würde er sich die Arbeit wohl oder übel machen müssen. Für Marie und natürlich ihn würde es sich lohnen. Dafür war am Wochenende Zeit genug. Jetzt wollte er los. Er hatte sich beim Kaffee mit Stefanie für später verabredet. Marie wollte sie ja nicht und so war es auch völlig in Ordnung, wenn sie sich gemeinsam aneinander abreagieren. Sollte ihr Redebedarf wieder ausufern, könnte er ihr den Mund eine Weile zuhalten; eine echte Win-Win-Situation. Stefanie kickte es, weil sie dachte, er täte es für sie. Er würde die relative Ruhe und ihren Blick genießen. »Gut.« »Was gut?« »Ich werde mich kümmern. Versprochen. Ich weiß jetzt, was du möchtest und kann das auch nachvollziehen. Ein neuer Mensch wäre sicherlich eine Bereicherung, wenn wir ihn gemeinsam erkunden und er zu uns passt.« Marie sah ihn erstaunt an. Doch so wenig Gegenwehr. Sie entschloss sich, das jetzt einfach zur Kenntnis zu nehmen. »Gut. Das freut mich. Dann bin ich gespannt, wen du so findest. Können wir uns morgen sehen?« »Leider nicht. Morgen habe ich einen Termin. Ich ruf dich an.« »Ok, dann bis dann.« Johnny lächelte, stand auf und sie gingen zur Tür. Es folgte die übliche Zeremonie. Fast. Johnny musste sich beeilen. Er hatte nur noch eine viertel Stunde und wollte nicht unpünktlich sein.